Kategorien
Carl Lambertz

Experimente

http://www.atelier-lambertz-reese.de/fileadmin/_processed_/csm_ehrabschneider_7036ba9947.jpg
Ehrabschneider 1945/46

Experimente

Über den Zeichnungen “Unterm Kreuz“, “Mord” und anderen verebbt langsam die Erregung – vergessen jedoch waren die Bilder des Schreckens, die Bilder einer erlittenen Wirklichkeit des Terrors und der Folter nie. Carl Lambertz knüpfte da wieder an die Akademiezeit an.

Die künstlerisch-technische Meisterschaft dieser Arbeiten seit 1945 ist nicht mehr zu übersehen. Parallel zu den mehr herkömmlichen Landschaftsmalereien und Zeichnungen – Carl Lambertz illustrierte gerade ein Robinson-Crusoe-Buch – beginnen jetzt künstlerische Experimente. Die Zeit des Suchens bricht spät über den fast 40jährigen Künstler herein:

“Ich hatte ja eine ganze Menge Zeit verloren, wie so viele, durch die schwierigen und bösen Jahre und ihre Behinderungen, die mich erst spät zur Akademie gehen ließen, durch meine Haft und Überwachung und den Wehrdienst. Jetzt begann ich zu experimentieren und zu suchen nach meinem Ausdruck, von dem ich im Augenblick damals nur wußte: dies, was du jetzt machst, ist es nicht, hier darfst du nicht stehenbleiben. Du bist kein Heimat- und Landschaftsmaler.

http://www.atelier-lambertz-reese.de/fileadmin/_processed_/csm_hoffart_01f6fa8385.jpg
Hoffart 1946/47

Erfolg hatte ich mit diesen Landschaften, sie verkauften sich gut – über den Düsseldorfer Kunstverein -, meist in der Umgebung. Es waren die bedrückenden Jahre nach dem Kriege, als Essen und Trinken die Hauptsache war. An Kunst und ans große Bilderkaufen dachte kaum jemand. Schon gar nicht hier in dem damals noch viel stärker bäuerlich geprägten Schleswig-Holstein. Meine Bilderverkäufe waren Ausnahmen, und es lag wohl auch daran, daß alles so schön deutlich dargestellt war, es gefiel eben den Leuten.”

Carl Lambertz vollzog unter großen Mühen seinen Hausbau, “um eine Bleibe, ein Atelier zu haben, damit ich arbeiten konnte”. Ein langwieriges Unternehmen. Fundamentsteine wurden aus dem Wittensee geborgen; Zement holte er mit dem Fahrrad aus Itzehoe, gegen Bilder von einem kunstsinnigen Direktor eingehandelt. Rückblickend erweist sich dieser Hausbau von größter, ungeahnter Wichtigkeit. Er ist die Grundlage für seine Unabhängigkeit. Carl Lambertz erzählt weiter:

http://www.atelier-lambertz-reese.de/fileadmin/_processed_/csm_voellerei_e7ee890791.jpg
Völlerei, 1945/46

“… dies gab mir die Freiheit des Schaffens, des Handelns. Dieses Schleswig-Holstein ist kein leichtes Land für einen Künstler. Als Künstler hieß es hier damals stärker noch als heute, entweder vor die Hunde zu gehen oder still vor sich hin zu malen hinter den Knicks und sich einzubilden: ich bin der Allergrößte … Das mußte man, um überleben zu können – in einer schönen Landschaft, die ich liebe, die mich an meine niederrheinische Heimat und Kindheit erinnert … Aber eben auch in einem Lande, in dem es die Kunst noch schwerer hat als anderswo.”

Glücklicherweise vermag Carl Lambertz existentiell zu denken und auch zu arbeiten. Er scheut sich nicht, Steine zu holen, Fundamente zu legen, Hauswände zu mauern und legt damit den Grund für seine Unabhängigkeit, die 1973 durch den Atelier- und Ausstellungsbau endgültig Wirklichkeit wurde. “Unabhängig auch vom Kunsthandel lebe ich seither einigermaßen ohne Sorgen, und dies ermöglichte es mir, all das zu malen, was seit 1969 entstanden ist.”

Es war ein langsamer Befreiungsprozeß, in dessen Verlauf sich sein künstlerisches Anliegen immer klarer offenbarte und potenziert verwirklichte. Experimente, tastende Versuche: es wird gezeichnet, entworfen, verworfen und wieder begonnen – die Zeit des Suchens führte auch auf Irrwege, in Sackgassen. Da finden sich auch allegorische Blätter, düster mit verschleierten Frauen und nebelhaften Architekturen im schwingenden Stil.

http://www.atelier-lambertz-reese.de/fileadmin/_processed_/csm_luegen_haben_kurze_beine_9f22a8cde9.jpg
Lügen haben kurze Beine, 1945/46

Die weiß gehöhten Kreidezeichnungen wie “Ehrabschneider” und “Hoffart” und “Völlerei” zeigen den eindringlichen Realismus der Zeichnungen von 1945/46. Er trägt gesellschaftskritische Züge. Die Physiognomik aber weist ins Zukünftige.

Ebenfalls in die Jahre 1945/46 fällt die aquarellierte Kreidezeichnung “Lügen haben kurze Beine”. Eine erste, halbmechanische Puppenfigur taucht auf, Vorläuferin der Maschinen- und Automatenwesen der siebziger Jahre.

Aus: Karl-Heinz Hoyer, Carl Lambertz, S. 40, 42, 44.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.