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Maria Reese

Trauerbilder I

Trauerbilder I

Maria Reese hält sich bei ihrer Trauergestaltung nicht an klassische Vorbilder der Malerei, die es auch gibt. Sondern sie gestaltet ihre Trauer um Carl Lambertz in ganz eigenständigen Bildern und zieht uns damit nicht nach unten in das Reich der Toten, sondern nach oben, ins Helle. Sie tröstet uns ebenso wenig wie sich selbst, sondern sie läßt uns teilhaben an der Tiefe und, ja, dem Genuß, den das Gestalten ihrer tiefen Gefühle vermittelt.

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Weinen um Dich, Tränen morgens, Tränen abends, 1996/97

Wie nebenher verwendet Maria Reese eine Fülle von traditionellen Symbolen und macht sie zugleich frisch und neu. Symbole wirken aus sich selbst, aber man nimmt sie noch besser auf, wenn man etwa über sie weiß.

  • Wir sehen Tränen in allen Formen, vor allem aber als Perlen und zu einem riesigen Tropfen gesammelt im Tal der Tränen. Der orientalischen Sage nach entstanden Perlen einst aus Tränen oder Tautropfen.
  • Sie zeigt uns den Kelch, aus dessen überströmender Fülle Tränen der Trauer und des Glücks der Liebe zugleich fließen. Der Kelch ist Symbol des Überflusses und zugleich des Herzens, welches das Lebensblut enthält, von Tod und Auferstehung Christi.
  • Wir sehen das blutende, liebende Herz.
  • Sie verwendet die Tulpe, das traditionelle Symbol der vollkommenen Liebe.
  • Sie malt das Entschwinden der Seele des Verstorbenen nach oben, wie der Geist sich vom Körper trennt und ihn leblos zurückläßt, aber selbst in der Höhe weiterlebt.
  • Auch das populäre Symbol vom Schlaf als Bruder des Todes wird neu gestaltet.
  • Die in den Himmel wachsende Herzenslilie verkörpert Reinheit, Auferstehung, Regeneration und Unsterblichkeit.
  • Bäume der weinenden Natur, die Himmel, Erde und Wasser und dynamisches Leben zugleich symbolisieren, werden dargestellt.
  • Der Mond selbst erscheint als tröstende Schwester einer trauernden Frau.
  • Die in den Himmel fliegenden Federn der Liebe symbolisieren Wahrheit und Triumph, die emporsteigen in die Höhe, den Himmel, die in andere Reiche steigende Seele.
  • Stigma” nennt sie selbst ein Bild, das die klaffende Wunde Christi und das offene weibliche Geschlecht zugleich symbolisieren kann.
  • Schließlich sehen wir den Zauberer Merlin aus der Artus-Sage, der die Sterne vom Himmel holt.

Dies sind nur einige Beispiele. Wer die Bilder sorgfältig studiert, wird noch viel mehr Symbole finden.

Man muß keineswegs selbst trauern, um diese Wege von Gemüt, Tiefe und Schmerz mitzugehen, man kann sie durchaus emotional-ästhetisch genießen. Aber der Trauernde kann seiner Trauer die Bilder zuordnen. Er kann sie als Anregung für eigenes Gestalten nehmen. Er kann auch einfach die Bilder nachgestalten, verändern, erweitern, seinen eigenen Gefühlen und deren Ausdruck anpassen. Nicht jeder vermag aus sich heraus schöpferisch zu wirken. Aber das Schöpferische, auch das nachschaffende Schöpferische bleibt in jeder Lebenslage das, was dem Menschen die größte Befriedigung und Genugtuung verschafft und ihm die seelische Freiheit auch bei Trauer vermittelt.

Leben und Werk von Maria Reese und Carl Lambertz und die gemeinsame künstlerische Arbeit werden nicht nur in bezug auf das Hauptthema dargestellt. Vielmehr werden von alledem in verschiedenen Abschnitten immer wieder neue Aspekte beleuchtet. Auch die Art und Entwicklung der Liebesbeziehung beider wird nicht verdunkelt oder versteckt, sondern gezeigt. Sie begann auf skandalöse Weise mit der Liebe zwischen einer 17jährigen Schülerin und einem verheirateten 49jährigen Mann. Es folgten der offene Skandal und zehn Jahre des freien Zusammenlebens. Während sie Kunst studiert, wird er Lehrer an derselben Kunstschule. Dieser Zeit schließen sich weitere 24 Jahre einer glücklichen Ehe an, die erst mit dem Tod des 86jährigen Lambertz ihr irdisches Ende findet. Maria Reeses schöpferische Trauer gelingt; sie wird wieder offen für das Leben. Die letzten Seiten sind ihrer neuen Beziehung zu Helmut Kindler gewidmet.

Außer daß Psychotherapeuten für die Behandlung von Trauerreaktion zuständig geworden sind, gibt es ganz persönliche Gründe, warum ein Kölner Universitätspsychiater ein Geleitwort zu diesem Buch schreibt. Durch eine Laune des Schicksals bin ich der einzige, der alle Hauptpersonen dieses Buches kannte oder kennt. Carl Lambertz kannte ich schon vor Maria Reese. Mehrmals besuchte ich sein Atelier in Eckernförde, um eine Verwandte beim Ankauf eines Ölbilds zu beraten. Das Bild ist heute im Besitz meines Freundes Prof. Dr. Kurt Hübner in Kiel. Ich war auch einer der Gäste bei einem inzwischen offenbar legendären Atelierfest im Atelier Lambertz. Es war das einzige, das je stattfand. Maria Reese habe ich zwar erst viel später kennen gelernt, aber bei dem von ihr besonders herausgehobenen Maler-Lehrer Gottfried Brockmann war ich häufiger Gast, weil sein Sohn Jan Brockmann und ich demselben Freundeskreis angehörten. Zu dem Paar Nina und Helmut Kindler gab es über mehrere Jahrzehnte, bis zu Ninas Tod, ein enges berufliches und persönliches Band. Nina Kindler betreute einige Bücher von mir in der von ihr herausgegebenen Reihe “Geist und Psyche”, Helmut Kindler initiierte andere Bücher von mir im Verlag der beiden. Jedes Jahr während der Frankfurter Buchmesse hatten wir füreinander einen privaten besonderen Abend für den Austausch von Gedanken, Gefühlen, Meinungen und Erinnerungen reserviert.

Uwe Henrik Peters

Aus: Maria Reese, In Bildern drückt sich meine Trauer aus, 2000, S. 8 ff; dort auch die hier nicht wiedergegebenen Trauerbilder.

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