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Carl Lambertz

Mechanischer Stil

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Morgens um Viertel vor Sieben vor meinem Fenster, 1969/70

Mechanischer Stil

Nach den mechanischen Schaubudenfiguren, der Reminiszenz aus seiner Frühzeit, sind es nun die Spielautomaten, die “spielerischen Automaten”, die verstärkt in seinem Werk auftauchen – und aus den ornamentalen Köpfen mechanische Köpfe machen. “Morgens um Viertel vor Sieben vor meinem Fenster” sind es Soldatenköpfe, Ungeheuer, die vorübermarschieren, mechanisierte Menschen. Die Augen sind als Fühler ausgebildet. Drähte strahlen: die “Apparatschiks” defilieren. Alle Köpfe vor der Mauer sind gleich geformt und violett – ein tragischer Farbklang, eine unheilkündende Farbgebung. Im grünen Himmel Gaswolke und Flugkörper. Eine erschreckende Vision, geboren aus dem Zustand des Halbwachseins. 

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Abendlandschaft mit Skulpturen, 1976

“Nun stehen sie alle da”, sagt Carl Lambertz zu dieser Tafel, die er “Abendlandschaft mit Skulpturen” nennt, einem Bild in Ölfarbe. Das Brett, auf dem er es – nach längerer Pause – malte, fand Carl Lambertz im Keller der Kunsthalle Kiel; die Maserung inspirierte ihn. 

Er konzipierte auf dieser Platte einige Bilder. Sie entsprachen lange nicht seiner inneren Idee. Er schabte sie ab, versuchte es wieder. Dann nahmen seine früheren Träume allmählich Gestalt an: archaische Grabbeigaben, Kleinplastiken, Rudimente, Scheiben, alle stehen in einer weiten Landschaft wie Treibgut. Ein Treibgut, wie es der bretonische Surrealist und Geschichtenerzähler Yves Tanguy an einem mystischen Strand sah und zu Bildern werden ließ.

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Mechanisierter Pan, 1977/78

Hier nun entsteht eine Räumlichkeit ohne Ende. Die Maserung des Holzes ist der Himmel. Eine Figur hat Flügel, ein mechanischer Arm signalisiert. Der mechanisierte Kopf (Transmissionskopf) rechts kündet die folgenden Tafeln an, besonders “Doppelkopf”, “Das Große Spiel”, “Kopf mit Flattertuch”, wie auch das frühere Bild “Majestätisch“, das die kalte, kalkulierte Welt der Roboter vorwegnimmt.

“Realisierung weiter Ahnungen” ist Carl Lambertz’ Auftrag, und er regiert Spiel und Konstruktion, Intuition, Anfang und Ende. Morbidität steckt in dieser Imagination. Entartung symbolisiert auch die Figur mit den aufgeblasenen Gliedern im Mittelgrund. Einige sparsam eingesetzte Farblichter füngieren als Spannungspole und Drehmomente.

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Mann im Kasten, 1979

Im “Mechanisierten Pan” wird ein Hirtengott zum Automaten, im “Mann hinter dem Zaun” der gesichtslose Maschinenmensch zur Schreckensvision.

Roboter werden in Antilandschaften geboren, sitzen in Kästen, von Transmissionen geleitet. Oder weibliche Halbfiguren werden umgeformt und erinnern an Sexualmechanismen; anthropomorphe Kreaturen, Köpfe, diese Endzeitwesen stehen vor indifferenten, kaum strukturierten, aber immer altmeisterlich lasierten Hintergrundflächen und geben in scharfen Konturen das Bild einer gründlich zerstörten Menschenwelt – rücksichtslos, kontaktlos.

Aus: Karl-Heinz Hoyer, Carl Lambertz, S. 115, 117, 152; dort auch die hier nicht wiedergegebenen Bilder.

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